Radrennen sind schön - Radrennen in Italien sind schöner

Straßenrad WM 2008 in Varese

 

2008 scheint das Jahr der Rückbesinnung zu sein. Nachdem wir im Januar nach fast vierjähriger Abstinenz  endlich wieder bei einem Wettkampf der Nordischen Kombination gewesen sind, reaktivierten wir im September gleich auch noch unsere Liebe zum Radsport, zum Liveerlebniss Radsport. Ok, wir waren natürlich immer mal auf der Radrennbahn in Leipzig bei diversen Steherrennen, natürlich sind wir auch selbst Rad gefahren. Aber ein Straßenrennen live miterleben? Das ist tatsächlich auch schon über vier Jahre her! Dabei hatten wir gar keine Lust. Alle Fahrer, die wir kennen und mögen, sind nicht mehr dabei, an neue konnten wir uns kaum gewöhnen. Die Übertragungen im TV sind einfach zu anstrengend geworden. Die einen berichten mehr vom Doping als vom Rennen, die anderen vergessen über der Aufzählung dritter Plätze bei Kirmisrennen, dass sie eigentlich kommentieren sollten. Und es nervt tatsächlich, wenn nach jedem größeren Rennen der Sieger des Dopings überführt wird (außer natürlich im Land der Saubermänner, in Deutschland).

Naja, aber zwei  unserer Italienischen Freunde wohnen nun mal im Kreis Varese. Also, fahren wir. Oder fliegen. Auch wenn der Flieger zwei Stunden Verspätung hat. Unsere Freunde erwarten uns mit einem Nachtmahl und am Donnerstag Vormittag geht’s dann nach Varese.

Einzelzeitfahren der Herren. Heute ist der Eintritt ins Stadion noch frei und da ich nur das Zentrum von Varese kenne und ansonsten noch nicht die richtige Peilung für die Strecke habe, gehen wir da auch hin. Wir stehen direkt an der Warm Up Area. Ich weiß gar nicht, wieso wir Radsport in den letzten Jahren fast ein bisschen langweilig fanden? Das Fieber hat uns sofort wieder erfasst. Und wir kennen ja doch die meisten der Fahrer. Und einige mögen wir sogar besonders gern, wie David Millar, Wladimir Gusew oder Rubens Bertogliatti.

Neben der Warm Up Area ist eine Leinwand und daneben der Start. Wir verpassen also nichts. Als Levi Leipheimer als letzter die Startrampe verlässt, suchen wir uns einen guten Platz auf einer Tribüne so 50 m vorm Ziel. Da können wir die letzten 20 Fahrer noch ins Ziel kommen sehen und nachdem Bert Grabsch  diese Fabelzeit vorgelegt hat, wird es richtig spannend. Als er dann tatsächlich Weltmeister wird, hätte ich gern eine klitzekleine Deutschlandfahne gehabt. Ok, ist eigentlich nicht mein Ding. Aber war sonst kein Deutscher da, für den man sich hätte schämen müssen, dafür viele Franzosen, Belgier, Holländer und Italiener sowieso. Da wäre es doch schön gewesen zu zeigen: Hallo! Der Bert hat auch ein paar Fans!

Nach der Siegerehrung versuche ich Andrea F vom C4F-Forum zu erreichen. Aber sie ruft erst zurück, als wir schon auf dem Weg ins Stadtzentrum sind. Also treffen wir uns dort in einem Café und belästigen einen Kellner mit unseren Bestellungen.

Am Freitag laufen wir dann zur Via Montello. Dort wollen wir uns das Straßenrennen der U23 ansehen. Es ist wieder schön warm und sonnig und nachdem wir ein paar LEIPZIGER aus Ellis ehemaligem Verein getroffen haben, suchen wir uns ein schönes Plätzchen mit Dixie gegenüber (so ein Rennen dauert schließlich). WM Rennen haben den Vorteil, dass ein Rundkurs gefahren wird und das Feld also mehrmals vorbeikommt, in diesem Fall 10 mal. Und es ist von Anfang an spannend, weil die Deutschen schon in der ersten Spitzengruppe vertreten sind. Elli feuert Dominik Nerz ganz besonders an, ist etwas verwirrt, als der sich nach ihr umdreht... ach Kinder. Im Übrigen haben wir viel Spaß mit den anderen Zuschauern, allesamt Italiener. Wir kriegen dann sogar noch eine Einladung zu einer Party... Aber heute müssen wir gleich nach dem Rennen zu unseren Freunden. Schließlich wäre es unhöflich, dort einfach nur zu schlafen... wenigstens einen Abend sollten wir gemeinsam verbringen.

Am Samstag, zum Straßenrennen der Damen, fragen wir uns zu den Ronchi durch. Dafür haben wir extra Tickets gekauft. Wir stehen gleich ausgangs der ersten Serpentine und wow, das Damenrennen ist noch spannender als gestern die U23. Schade nur, dass die Taktik der Deutschen voll auf die Arndt ausgerichtet zu sein scheint. So fährt Trixi Worrack die Verfolger mit Arndt an die Ausreißer mit Becker und Keller ran. Die sehen zu dem Zeitpunkt noch richtig gut aus. Schade!

Nach dem Rennen laufen wir die Ronchi in beide Richtungen ab. Morgen wollen wir den besten Platz haben.

Wir nehmen den ersten Zug. Der ist heute kostenlos (die Zugpreise waren von Tag zu Tag gesunken) und voll. In Varese ist auch schon mächtig was los. Trotzdem erleben wir in den Ronchi einen entspannten Tag. Wir sind eben in Italien, die Fans weitgehend gelassen und „un“agressiv. Im Übrigen achten unsere Nachbarn peinlichst darauf, dass wir gut fotografieren können und irgendwann holt sogar einer ne Deutschlandfahne raus und platziert sie bei uns grins. Das Rennen ist tödlich langweilig. Zum Glück ist es heute wirklich voll und Fans angucken macht auch Spaß. Die Mitglieder des Arvesen-Fanclubs, die gestern heftig gefeiert haben ( inklusive Bad im Springbrunnen) trudeln erst gegen Mittag ein, okkupieren sofort einen der Bierstände und feiern weiter. Sie feiern auch noch, als Arvesen das Rennen längst aufgegeben hat. Viel Unterhaltung bietet der Ivan Basso Fanclub gegenüber. Das ganze Haus inklusive Garten ist dekoriert und beflaggt. Kurz vorm Rennen werden dann die älteren gehbehinderten Mitglieder auf Campingstühlen in Position gebracht, während die Jüngeren immer mal die Deko auf der angrenzenden Wiese kontrollieren. (Basso ist übrigens nicht im Rennen).

Skandinavier tragen gerne Hörner, es gibt einen Saxophonspieler wie beim Rugby und der Kameramann liest in den Pausen. Italiener, Franzosen und Belgier versuchen sich in der Größe ihrer Flaggen zu übertreffen. Es sind erstaunlich viele Südafrikaner da...

Am Ende gewinnt ein Italinier , Alessandro Ballan, das Rennen. Wir sind glücklich, dass es nicht Bettini ist und freuen uns mit den Gastgebern, die sich ihren Weltmeister wirklich verdient haben.

Fotos

 

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