Alles aus Granit

Ostern 2011 im Vallemaggia/ Schweiz

Irgendwann nach Mitternacht holen mich Reni und Barbara ab. Nachdem mein Zeugs notdürftig verstaut ist, geht es zu Grit, wo, da die Fahrgemeinschaft nun komplett ist, das Auto neu verpackt und eingerichtet wird. Reni und Grit fahren abwechselnd. Barbara und ich machen es uns gemütlich und versuchen zu schlafen. Neben den üblichen Puller- und Rauchstopps ist auf dieser Strecke ein Ort Pflichtprogramm: Liechtenstein. Wenn man schon mal dran vorbei muss, sollte man auch rein fahren, denken wir uns, und frühstücken. Es gibt zwei schöne Motive in der Hauptstadt des Fürstentums; eine Kirche mit freilich atemberaubend schönem Hintergrund und das Schloss des Landesvaters über der Stadt. Ansonsten ist Vaduz eine Enttäuschung, eine Aneinanderreihung hässlicher Neubauten. Wir setzen uns trotzdem in ein Café im gefühlten Stadtzentrum und nach einem leckeren Frühstück geht es weiter, an den Lago Maggiore.

Ziel ist das Vallemaggia. Das ist ein Tal im Tessin. Es beginnt am Lago Maggiore bei Locarno, ist ca. 50 km lang und erstreckt sich dann in nördliche Richtung. Der Fluss Maggia hat dem Tal seinen Namen gegeben. Früher muss das ein wildes Wasser gewesen sein, dass häufig zum Hochwasser tendierte. Deshalb haben die Bauern lieber etwas weiter oben gesiedelt. Heute sind diese Bauernhöfe und Siedlungen, die teilweise nur über Pfade zu erreichen sind, lohnende Ziele schweißtreibender Wanderungen. Ich hab mit extra eine Wanderkarte und einen Reiseführer angeschafft, um nix zu verpassen. Natürlich aber kann man im Vallemaggia vor allem prima klettern. Nur ich kann ja vielleicht noch nicht so viel und richtig. Deshalb die Wanderkarte.

Obwohl es am Gotthardtunnel staut und der Verkehr zum St. Bernardino umgeleitet wird, passieren wir diesen ohne größere Warterein. Wahrscheinlich erreicht die Masse, die vom Gotthard rüberflutet, den Bernardino erst nach uns.

Gegen Mittag erreichen wir unseren Zeltplatz bei Avegno. Barbara hatte bei der Reservierung versucht, uns alle auf Nachbarstellplätzen unterzubringen. Aber weil wir viel zu viele sind, klappt das nicht. Es gibt ein größeres Areal gleich an der Rezeption, und ein kleineres am Ende des Zeltplatzes. Wir entscheiden uns für letzteres. Am Ende, als alle da waren, sah das dann so aus, dass oben im  „Oberdorf“ fast alle Kinder samt Eltern einschließlich der dazugehörigen Essensgemeinschaften zelteten, wir aber lagen im „Unterdorf“. Wir hatten da nur ein Kind, und den meisten Alkohol. Nuja

Nach dem Zeltaufbau stellten wir fest, dass das Vier-Mann-Zelt für vier Frauen doch etwas klein ist. Aber da genügend Leute da waren, die sich nicht an Barbaras Bitte gehalten hatten, doch platzsparende Zeltgemeinschaften zu bilden, fand Reni schnell einen Platz in einem anderen Zelt. Reni und Grit waren übrigens müde. Barbara und ich machten uns auf die Suche nach einem Bankomat. Leider fingen wir in Ponte Brolla an zu suchen. Ponte Brolla ist zwar sehr hübsch, hat auch einen schönen alten, aus rustici bestehenden Ortskern, einen Rockshop mit Pub und auch ein teures Restaurant, aber einen Kohlekasten gibt es da nicht. Der steht in Avegno. Avegno ist natürlich auch sehr hübsch. Und irgendwie näher am Zeltplatz. Dafür genau in der entgegen gesetzten Richtung.

Am Samstag, als wir fast komplett waren, sind die meisten natürlich klettern gegangen. Ich nicht. Ich wollte nach Maggia wandern. Sah auf der Karte nicht all zu weit aus. Frank, Kerstin, Prse und Bärbel haben mich begleitet. Wir mussten von Avegno aus erst mal 700 oder 900 Höhenmeter rauf. Ich weiß das nicht mehr genau. Ist auch egal. Auf die 200 m kam’s dann auch nicht mehr an. Unterwegs waren viele Feuersalamander zu bewundern. Und Bildstöcke. Im Süden sind die Leute ja sehr fromm. Und stellen überall diese Heiligenschreine auf. Kennt man ja von Bayern und so. Aber da geht’s nirgends so steil hinauf... Trotzdem bin ich der Frömmigkeit der Leute dankbar, weil ich war über jede Pause dankbar. Die anderen hatten ja sogar ihr Kletterzeugs mit. Diese Helden. Wir sind sogar an einer kleinen Wand vorbei gekommen. Aber da hat es grad ein bisschen genieselt.

Wir sind natürlich auch an rustici vorbeigekommen. Und ganz oben war eine ganze Siedlung. Natürlich alles unbewohnt bzw. zum Ferienhaus umfunktioniert. Dann ging es die 700 – 900m wieder runter. Gegen 17:00 Uhr waren wir in Gordevio. Das ist der Nachbarort von Avegno...

Sonntag dann großes Osterklettern und Eiersuchen gleich bei Avegno. Da gibt es ein hübsches Klettergebiet rechtsseitig der Maggia mit großer Wiese zum Eiersuchen. Um dahin zu kommen, muss man über eine Hängebrücke den Fluss überqueren.

Meine Zelt-, Essens-, und Fahrgemeinschaft kletterte irgendetwas mehrseiliges, weswegen ich mich den Familien angeschlossen habe. Und hatte mein Erfolgserlebnis. Anders als vier Wochen vorher in der Sächsischen kam ich ohne Schmerzen hoch – und auch wieder runter.

Abends habe ich das zusammen mit ein paar Freunden mit  Bier, Käse und Wurst im Pub neben dem Rock Shop gefeiert.

Am Montag, ich wollte ja nicht gleich übertreiben, habe ich wieder auf Kultur gesetzt und gemeinsam mit Ulli das örtlich Bussystem erkundet. Ohne große Verirrungen und Verwirrungen haben wir uns nach Ascona gefunden und dort die Altstadt, die Seepromenade und den Monte Verità erkundet. Auf dem Monte Verità existierte in den 20er und 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts eine dieser Kolonien, wo sich Anarchisten, Nudisten, Theosophen und Anthrosophen gemeinsam mit Künstlern und verkrachten Existenzen im Ausprobieren neuer Lebensformen übten. Sie kamen natürlich alle irgendwie aus gutbürgerlichem Haus, schließlich hatten sie den Berg ja gekauft, und waren vermutlich verwöhnt gelangweilte Kinder, die es ihren bourgeoisen Eltern so richtig zeigen wollten... Aber ich will mich hier nicht lustig machen über Vegetarier und Zilivilasionsmüde. Am Abend des Tages habe ich mich jedenfalls aus der Essgemeinschaft abgemeldet und bin mit Prses, Kerstin und Kumpel, zu einem Imbiss am Strand der Maggia gewackelt, den wir entdeckt hatten, als wir auf dem Weg nach Ponte Brolla mal nicht die Abkürzung durch den Fluss genommen hatten. In netter Atmosphäre gab es  Gegrilltes und das ortsübliche Calanda.

Am Dienstag wär ich gern geklettert, aber bis auf Barbara, die sich mit Ralf lieber wieder den steilen Wänden widmete, hatte sich das Unterdorf zum Kulturausflug verabredet. Natürlich mit dem Auto.

Im Vallemaggia haben wir uns zunächst Aurigeno angesehen, in seiner alten Substanz ebenfalls ein gutes Beispiel des ticino granito. Zu einem Stopp in Maggia, dem Hauptort des Tales, und vor allem einen Bummel durch den Ort, mussten einige Sportfreunde schon überredet werden. Es gibt schon komische Menschen. Die wollen immer nur klettern. Oder nach Bergamo *grins* Dafür haben wir den Bummel durch die engen Gassen dann um so ausgiebiger genossen.

Dann ging es ins Val Bavona, das schönste Tal, dass ich dort im Tessin gesehen habe! Scheinbar unberührt und zeitvergessen liegt das Tal zwischen senkrechten Felswänden und präsentiert dem Betrachter seine noch vollständig erhaltenen, aus den kleinen Granitsteinhäusern bestehenden Sommerdörfer. Das ist unglaublich!

Nach einem kurzen Halt an einem Wasserfall sind wir zunächst zum Ende des Tales gefahren, wo eine Seilbahn hoch in den Schnee führt. Ich empfinde es nach wie vor als Glück, dass sie erst ab Mitte Juni fährt. So blieb genug Zeit zur Besichtigung des Tals statt irgendwo oben auf Schnee zu starren. Und nachdem wir uns also das Dörfchen Sonlerto besonders ausgiebig angesehen haben, blieb sogar Zeit für eine Einkehr ins „La Froda“ bei Foroglio. Das ist ein zu einem Restaurant umgebautes rustico gleich neben dem Wasserfall mit wunderbarer Terasse und ganz vorzüglicher lokaler Küche. Ist zwar nicht ganz billig in der Schweiz, aber wenigstens ein einheimisches Essen gehört schließlich zu jedem Urlaub. Oder?

Das Oberdorf hatte uns zum „Liederabend eingeladen“. Das ist natürlich Quatsch. Nur war es so, dass wir immer um unser Lagerfeuer rum saßen, und die anderen um ihr Lagerfeuer. Und das war Schade. Zwar haben wir uns immer mal gegenseitig besucht, aber so ein gemeinsamer Abend war schon schöner.

Am Mittwoch wollte ich dann aber doch wieder klettern! Und weil meine drei Essenskameradinnen  ja immer Mehr-Seil-Wege kletterten, habe ich mich den Familien des „Oberdorfes“ angeschlossen. Mit Andrea, Marc, Jürgen und den Kindern ging es ins Centovalli. Auch sehr hübsch, vor allem mit engen Straßen. Am Ziel trafen wir dann auch die anderen Kinder nebst Eltern und es wurde ein schöner sonniger Klettertag.

Abends gab’s dann Eis und Pizza in Cannobio am Lago Maggiore, aber auf der Italienischen Seite. Das führte zu partiellen Verstimmungen beim Rest meiner Essensgemeinschaft und ich wurde genötigt, die kalten Rühreier zu essen. Weil ich mich nicht ordnungsgemäß abgemeldet hatte. Und obwohl frau ungerührt für mich mit gekocht hatte, wo ich doch noch unterwegs und damit klar war, dass ich das Abendmahl in jedem Fall hätte kalt genießen müssen. Wahrscheinlich war das von Vornherein als erzieherische Maßnahme gedacht. Recht haben alle Pädagogen! Und jegliche Form von Individualismus ist als Separatismus zu ahnden. Ich hab meine Lektion gelernt und die kalten Eier brav runter gewürgt!

Es hatte inzwischen übrigens angefangen, zu regnen, und wir hatten uns in ein großes leer stehendes Festzelt verzogen.

Dann war Kerstin’s Geburtstag, der Wetterbericht sagte Regen voraus und wir sind allesamt ins Tal Onsermone gefahren, wo wir, nach einigem Hin und Her, wieder feststellen mussten, dass der Lift zum Schnee auch hier nicht fährt. Also wieder eine dieser Wanderungen, wo man in einem Dorf startet, dann immer nur bergauf rennt, dann bergab, und im Nachbardorf raus kommt. Zum Glück war der Berg diesmal nicht ganz so hoch und die „Loofe“ nicht so lang. Das Wetter hielt sich auch ganz gut. Allerdings nur, bis wir zum Zeltplatz zurück kamen.

In oben genanntem Festzelt haben wir dann ein ordentliches Fest gefeiert, nämlich Kerstin’s Geburtstagsfest.Und viele Lieder gesungen. Auch ein Französisches. Als wir die Franzosen im Zelt aufforderten, mitzusingen, haben die behauptet, Italiener zu sein. Haben wir sofort mit Avanti Popolo nachgelegt. Die angeblichen Italiener waren nur kurz geschockt, haben aber auch nicht drauf bestanden, nun vielleicht doch Spanier zu sein.

Und weil es dann die ganze Nacht durch regnete und am Freitag immer noch, verkürzten wir unseren Urlaub spontan um einen Tag, packten die nassen Plünnen ein und fuhren nach Hause. Liechtenstein haben wir dabei links liegenlassen.

Ostern im Vallemaggia

 

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