Fast wie in Italien

Straßenradweltmeisterschaft in Mendrisio/ Schweiz

Ich mag die Italiener!

Ihre Sprache, ihre Kultur, ihre Lebensart. Ich finde auch nicht, dass sie zu laut sind oder gar zu viel reden, wenn sie in der Mehrzahl auftreten. Eine ganze Flugzeugladung voll dagegen... also entspannend würde ich das nicht bezeichnen.

Ich sitze mitten unter ihnen im Flieger nach Bergamo. Ankunft irgendwann kurz vor Mitternacht. Da werde ich mir wohl ein Taxi ins Hostel nehmen müssen.

Aber dann geht das Auschecken ganz schnell, wohl auch deshalb, weil alle Italiener ihre Koffer als Handgepäck deklariert haben und deshalb kaum Gedränge am Band in der Gepäckhalle herrscht. Ich erwische also noch den letzten Shuttle nach Bergamo. Der fährt bis zur Puorta Nuova. Von dort müsste ich mit dem Bus Nr.6 weiter, aber um diese Zeit, klärt mich der Busfahrer auf, fährt überhaupt kein Bus mehr. Ich irre also durch die Stadt, ohne Stadtplan und die geringste Idee, wo mein Hostel liegen könnte, auf der Suche nach Bewohnern, die mir Auskunft erteilen könnten. Etwas schwierig nachts um diese Zeit an einem Mittwoch. Ich würde ja auch ein Taxi nehmen...

Eine Frau mit Hund schickt mich schließlich zum falschen Hostel, gleich im Stadtzentrum. Dort gabelt mich ein Herr Mitte 40 auf, der mir erklärt, dass mein Hostel ganz weit weg am Stadtrand liegt. Und ich tue, was man nie tun sollte, ich springe nachts 1:00 Uhr zu einem fremden Mann ins Auto. Wenigstens kann ich die Sprache und könnte im Ernstfall angemessen um Hilfe rufen.

Taxis, so erklärt mir der Herr auf unserer 20minütigen Fahrt, gibt’s in Bergamo eigentlich nicht (das macht Mut für die Heimfahrt), der Fußballverein von Bergamo spielt 1. Liga und hat 5 Spiele hintereinander verloren – heute wahrscheinlich das 6.- lerne ich auch noch und im Übrigen ist alle Sorge unbegründet. Der Herr ist genauso wie ich die Italiener liebe- einfach nett, freundlich, hilfsbereit. Er setzt mich vorm Hostel ab und wünscht mir eine schöne Zeit. Ich lieg dann grad im Bett, als meine 3 Zimmergenossinnen kommen und eine nach der anderen duschen! Gefühlte 2:30 Uhr ist endlich Ruhe. Doch gegen 5:00 Uhr duscht die erste schon wieder! Mass man nicht verstehen. Ich gebe auf, pack meinen Rödel und mach mich auf den Weg zum Bahnhof.

Immerhin bin ich so recht früh in Mendrisio und habe Zeit für ein ausgiebiges Frühstück und eine kleine Ortsbesichtigung. Mendrisio, Austragungsort der Straßenradweltmeisterschaft von 2009, liegt nur 5 km von der Italienischen Grenze entfernt im Tessin. Der nächste bekannte Ort in der Schweiz ist Lugano, immerhin 18 km entfernt. Der Monte Generoso, zu dessen Gipfel von Capolago aus eine Zahnradbahn fährt, ist der bekannteste Berg. Er erstreckt sich zwischen Lugano und Chiasso vom Luganer zum Comer See und bildet eine natürliche Grenze zwischen Italien und der Schweiz. Mendrisio selbst bietet die für dies Gegend typische Altstadt mit engen Gassen und Treppen. Es ist ein kleiner Ort mit nur 12000 Einwohnern. Aber einer davon ist Michael Albasini, und der nimmt auch an der WM teil. Muss was ganz besonderes sein, in seinem Heimatort an einer WM teilzunehmen.

Naja, ich begebe mich zum Start und versuche eine photo-optimale Position einzunehmen. Das ist etwas schwierig, weil die Warm-Up-Zone durch einen hohen Zaun geschützt ist. Da stelle ich mich lieber etwas weiter weg, aber erhöht, gleich neben den Camper der Russen, und versuche zwischen Begleitfahrzeugen und all diesen Leuten mit dem richtigen Schlüsselband um den Hals hindurch zu fotografieren. Die Fahrer sind in Startblöcke unterteilt und zwischen jedem Startblock gibt es eine Pause von ca 30 min. Genau kann ich das nicht sagen, weil ich habe keine Startliste. Die versuche ich mir zwar im Village zu besorgen, aber die sind schon in der ersten Pause vergriffen. Strolche ich stattdessen durch das Fahrerlager.

Es gibt ein großes Zelt, wo die Fahrer sich einrollen können, aber die meisten haben ihre Rollen neben dem Teamfahrzeug aufgestellt. Die Russen verrücken einfach ihren Camper um 10 cm oder so und bauen ihre Rolle zwischen zwei Autos auf. Bei den Deutschen ist Herr Zabel zu Besuch, auch Jens Heppner steht etwas verloren neben dem Teambus, denn im Gegensatz zu seinem ehemaligen Telekomkollegen erkennt und fotografiert ihn niemand. Ich tu’s auch nicht.

Bei den Schweizern herrscht Gedränge wie zu Bettini-Zeiten bei den Italienern. An der Warm-Up- Zone dagegen geht es entspannt zu, bis zum letzten Startblock. Es ist ja unglaublich, wieviele Menschen so ein richtiges Schlüsselbändchen haben und mir vor der Linse rumhüpfen. Als der letzte Fahrer – Bert Grabsch -  gestartet ist, wühle ich mich durch’s Village an die Strecke. Fabian Cancellara gewinnt, fein, so haben die Gastgeber ihren Weltmeister, im Einzelzeitfahren. Es finde es immer nett, wenn die Gastgeber von Meisterschaften nicht ganz leer ausgehen.

Ich mach mich auf den Weg nach Lugano... mit ungefähr 82hundert Norwegern. Die Kurt-Asle Arvesen Fans von Varese haben Verstärkung durch die Edward Boasson Hagen Fans bekommen. Und da glauben gewisse User in einem gewissen Forum, das wären Thor Hushovd Supporter...

In Lugano habe ich etwas Mühe, Maria Theresas Haus zu finden bzw. die Straße, in der sie wohnt. Meine Italienisch-Kenntnisse erweisen sich bei der Wegsuche als Vorteil, denn auch wenn die Schweizer alle drei Sprachen plus Englisch in der Schule lernen, kann doch nicht jeder Luganese ausreichend Deutsch. (Das soll keine Kritik sein! Ich frag mich nur, wie die sprachfaulen von meinen Landsleuten reagieren würden, wenn sie in der Schweiz auf Schweizer träfen, die kein oder nur ungenügend Deutsch sprächen. Das fänden sie wahrscheinlich genau so unverschämt wie einen Holländer in den Nierderlanden, der kein Deutsch mit ihnen spricht. ... Sie wären zumindest verwirrt.) Na wie dem auch sei, Maria wohnt gar nicht so weit vom Bahnhof weg. Und von ihrem Garten aus hat man einen herrlichen Blick zum See, der Altstadt und dem Monte Bré.

Am Freitag schlafe ich aus, warte bis der Regen aufhört und wandere dann am See entlang, Richtung Kunstmuseum. Da begegnen mir eine Menge Leute, die ihren freien Tag damit verbringen, Rennrad zu fahren, den Berg rauf! Na da mach ich lieber Kultur. Am Abend schlendere ich dann durch die Altstadt.

So dermaßen erholt gehe ich den nächsten Tag an. Immerhin gibt es heute zwei Rennen, das ist auch für Zuschauer und Möchtegernfotografen anstrengend. In Mendrisio gibt es wider Erwarten keine Startlisten gleich am Bahnhof. Also wackle ich zum Village. Aber dort erfahre ich, exakt drei Minuten vor dem Start zum Straßenrennen der Damen, dass die Listen NOCH nicht da sind, weil sie NOCH gedruckt werden. Ja, leckt mich doch! Ich hätte mir ja welche aus dem Netz gezogen, aber Maria’s PC ist kaputt. Ja und wer rechnet denn damit, dass es so schwer ist, ne Startliste zu kriegen. Selbst in den Zeitungen sind keine, jedenfalls nicht in denen, die ich gekauft habe.

Ich nutze das Damenrennen, um mich vom Start bis zur Steigung am Castello San Pietro vorzuarbeiten und an verschiedenen Stellen zu fotografieren. Morgen, beim Rennen der Elite, werde ich nicht mehr soviel Bewegungsfreiheit haben und muss wissen, wo der optimalste Platz ist. Es fängt mal an zu nieseln, aber nachmittags, beim U23 Rennen scheint die Sonne und ich kann testen, wo ich die besten Lichtverhältnisse habe... jedenfalls nachmittags. Zwischen den Rennen suche ich ein lokales Café gleich gegenüber der Holländerkurve auf. Da gibt es zwar ne Menge zu sehen, laute Musik einschließlich Blaskapelle und sogar ne große Leinwand, aber auf Dauer verkrafte ich das nicht. Außerdem verstehe ich so gar kein niederländisch und damit nicht den recht redseeligen Fernsehkommentatoren,  dass ich denke, hier bin ich über den Rennverlauf auch nicht besser informiert als an der Strecke, wo ich lieber dem Italienischen und Französischen Streckenfunk lausche. Zumal ich ja keine Startliste habe.

Die Stimmung an der Strecke ist ungefähr genauso entspannt wie in Italien. Macht richtig Spaß. Nur warum die UCI die Damen so in aller Herrgottsfrühe auf die Strecke schickt, ist mir ein Rätsel. Da sind wirklich nur Fans an der Strecke, ausschließlich natürlich der Noweger, aber die werden ja immer erst mittags wach. So wird die Italienerin Tatiana Guderzo von den Einheimischen fast unbemerkt Weltmeisterin. Schade, dass die Damen immer noch hinter den U23 Fahrern kommen. Bei denen ist nachmittags dann schon mehr los, weil sich eine ganze Menge Familien unters Publikum mischen.

Das ist natürlich nicht zu vergleichen mit Sonntag. Maria, die eigentlich mitkommen wollte, steht extra zeitig mit mir auf, beschließt aber nach der gestrigen Party doch lieber weiter zu schlafen. Ich bin so gegen 9:00 Uhr in Mendrisio, nehme ein zweites Frühstück gegenüber der Holländerkurve, begrüße ein paar neue Bekannte und mache mich auf den Weg zu meinem gestern auserkorenen Photopoint. Unterwegs läd mich noch ein anderer Kneiper, der gestern kein Fleisch mehr für mich hatte, zum Abendessen ein. Rennt mir extra hinterher, um mir zu versichern, dass er mir ein Steak aufhebt. Jetzt hab ich auch noch Verpflichtungen...

Trotzdem es im Laufe des Tages recht voll und eng wird, bleibt die Athmosphäre bis zum Schluss entspannt. Ganz anders als in Frankreich oder gar in Deutschland. Das Radrennen in Italien schöner sind als sonstwo auf der Welt, erwähnte ich ja schon letztes Jahr anlässlich der WM in Varese. Und da Mendrisio  in der Italiensichen Schweiz liegt, ist das alles irgenwie nicht verwunderlich. Aber die Züri-Metzgede, mein Lieblingsweltcuprennen, wenn ich diesen alten Begriff mal verwenden darf, ist ja auch in der Schweiz, wenn auch in Zürich.  Und die Athmosphäre genauso entspannt. Passt also alles und ich sollte vielleicht mal die Schweiz-Rundfahrt ausprobieren.

 

Diesmal habe ich sogar eine Startliste! Ganz normale Computerausdrucke, die findige Einheimische am Bahnhof verkauft haben. So werde ich im Nachhinein nicht soviel Mühe haben, rauszufinden, wen ich eigentlich fotografiert habe. Denn wer erkennt schon alle Radfahrer einfach so an Gesicht und Haltung. Das schaffen nicht mal Migels und Jentschi zusammen.

Trotz einer frühen Ausreisergruppe ist das Rennen ziemlich spannend. Irgendwie scheint nicht so gebummelt zu werden wie letztes Jahr. Die Italiener, allen voran Marzio Bruseghin und Michele Scarponi, die Australier, die Belgier und die Holländer scheinen mir die aktivsten Fahrer im Hauptfeld zu sein. Die Deutschen sind zwar durch Greipel lange in der Ausreißergruppe vertreten, als die aber eingeholt ist und es zur Sache geht, ist von den Deutschen nicht mehr viel zu sehen. Die Franzosen zeigen sich auch mal. Winokurow, der beim EZF noch ausgebuht wurde, wird heute bei seinem Angriff ordentlich angefeuert und als Cancellara, von dem sich alle Schweizer einen Doppelerfolg erhoffen, eine Panne hat, macht sich schiere Verzweifelung breit. Im Nachinein sehe ich auf den Fotos, dass auch die Russen recht aktiv waren. Aber in echt verwechselt man, oder ich, die rein trikottechnisch einfach zu sehr mit den Italienern. Zwischendurch sackt so ein aufblasbares Werbebanner in sich zusammen: Besenwagen und Notarzt sind kurzzeitig außer Gefecht gesetzt. Der Französische und der Italienische Streckensprecher überschlagen sich, als Cancellara nach seiner Panne Jagd auf das Hauptfeld macht und lassen dem Engländer keine Sekunde mehr für seine ohnehin schon kurz gehaltenen Zusammenfassungen.

Und dann wird Cadel Evans Weltmeister! Und irgendwie sind alle zufrieden, auch die zahlreich angereisten Italiener.

 

Ich hole mir mein Abendessen ab und mache mich auf den Weg nach Bergamo. In Chiasso, wo man aus dem Schweizer Zug aussteigen und rüber auf die Italienische Seite laufen muss, sind ein paar Japaner verwirrt, weil niemand ihre Pässe sehen will. Bis Monza sitze ich dann mir zwei so anstrengenden Landsleuten in einem Abteil, dass ich einerseits hoffe, dass sie sonst niemand versteht ( wäre echt peinlich) und andrerseits froh bin, als ich endlich umsteigen kann.

Diesmal fahren die Busse noch und ich erreiche wohlbehalten mein Hostel. Und mit dem Taxi geht es am Montag in aller Herrgottsfrühe zum Flughafen. Sind ja nur 7 km.

Weil die Italiener wieder alle ihre Koffer als Handgepäck deklariert haben, sind die Gepäckfächer schnell überfüllt und ich muss meinen Tagesrucksack unter den Sitz nehmen. Das verstimmt mich kurzzeitig. Aber weil sich der Abflug wegen einer defekten Tür verzögert, erlebe ich dann den Sonnenaufgang direkt über den Alpen. Und weil die Italiener mit ihren Rollkoffern im Handgepäck nicht so schnell sind, war ich eine der ersten an Bord und habe einen Fensterplatz! Und weil die Gepäckfächer voll sind mit den Rollkoffern der Italiener und ich meinen Rucksack deshalb unter meinen Sitz habe, komme ich an die Kamera und kann ein paar geile Fotos machen. So bin ich wieder zufrieden. Ich sagte es ja:

Ich mag die Italiener!

 

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